Myers BA, Klingensmith R, de Groot M; Los Angeles, USA; Diabetes Care. 2022;45:42 – 58.

Einführung: Es wird die psychische Gesundheit im Zusammenhang mit der Corona-Virus-Erkrankung 2019 (COVID-19) bei Erwachsenen mit und ohne Diabetes verglichen.

Methode: Zwischen dem 29. Mai 2020 und dem 30. Juni 2020 beantworteten 2 176 US-amerikanische Erwachsene eine Online-Umfrage, die demografische Daten, COVID-19-Erfahrungen, Depressions- (8-Item Patient Health Questionnaire) und Angstsymptome (7-Item Generalized Anxiety Disorder), wahrgenommenen Stress (10-Item Perceived Stress Scale), Resilienz (Brief Resilience Scale) und diabetesbedingten Distress (bei Teilnehmern mit Diabetes) (17-Item Diabetes Distress Scale) erfasste.

Ergebnisse: Das mittlere Alter der Teilnehmer betrug 49,6 Jahre (SD 16,9); die Teilnehmer waren überwiegend weiblich (80,0 %) und Kaukasier (88,3 %) mit einem jährlichen Haushaltseinkommen von ≥ 60 000 Dollar (57,6 %). Hundert Teilnehmer gaben die Diagnose Typ-1-Diabetes an (4,6 %), 304 einen Typ-2-Diabetes (13,9 %) und 145 einen Prädiabetes (6,6 %). Fast ein Drittel (29,7 %) gab an, dass das Einkommen aufgrund der Pandemie gesunken sei. Teilnehmer mit Typ-1-Diabetes hatten ein höheres Maß an Diabetesbelastung als Teilnehmer mit Typ-2-Diabetes (P < 0,05), wobei der Schweregrad in beiden Gruppen moderat war. Teilnehmer mit Typ-2-Diabetes hatten signifikant mehr Komorbiditäten und COVID-19-Risikofaktoren als alle anderen Gruppen (alle P < 0,01). Nach Kontrolle der Kovariablen berichteten Teilnehmer mit Typ-2-Diabetes über signifikant mehr depressive Symptome als Teilnehmer ohne Diabetes (P < 0,05) und ein geringeres Maß an Belastbarkeit (P < 0,05). Subgruppenanalysen nach Geschlecht und Alter ergaben, dass Frauen und jüngere Erwachsene, insbesondere im Alter von 18 – 34  Jahren, signifikant mehr Depressions- und Angstsymptome, Stress und diabetesbedingte Belastungen sowie eine geringere Resilienz aufwiesen als Männer und Erwachsene im Alter von ≥ 51 Jahren.

Schlussfolgerung: In dieser naturalistischen Beobachtungsstudie berichteten Teilnehmer mit Typ-2-Diabetes über mehr Depressionen, geringere Belastbarkeit und deutlich mehr COVID-19-Risikofaktoren und medizinische Begleiterkrankungen als Teilnehmer ohne Diabetes. Insgesamt zeigten die Teilnehmer während der Pandemie stärkere Depressions- und Angstsymptome als vor der Pandemie.

Kommentar: Die höhere psychische Belastung der Personen mit Diabetes, vor allem mit Typ-2-Diabetes, lässt sich sicher durch das real erhöhte Risiko eines schweren Verlaufs einer COVID-19 Infektion erklären, zumal zum Zeitpunkt der Befragung noch kein Impfstoff zur Verfügung stand. Andererseits zeigt sich hier auch die Schwäche vieler webbasierter Befragungen, die hohe Selektivität der Stichprobe mit 80 % Frauen. Es kann hier nicht ausgeschlossen werden, dass sich gerade diejenigen beteiligt haben, die besonders belastet sind, während sich andere weniger belastete Personen nicht für das Thema interessieren. Angesichts der geringen Beteiligung der Männer sind Unterschiede zwischen den Geschlechtern nur vorsichtig zu interpretieren.



Autorin:
Prof. Dr. rer. nat. Karin Lange

Erschienen in: Diabetes-Congress-Report, 2022; 22 (1) Seite 49-50