Am 18. Januar wäre Michael Bliss 80 Jahre alt geworden. Dem kanadischen Historiker ist zu verdanken, dass die dramatische Geschichte der Insulinentdeckung Schritt für Schritt nachgelesen werden kann – und dass alle vier maßgeblich beteiligten Wissenschaftler gewürdigt werden.

Im Jahr des 100. Jubiläums des Insulins als Medikament werden wir oft von Banting und Best hören. Dass die beiden Kanadier im Sprachgebrauch oft als die Entdecker des Insulins genannt werden, liegt nicht nur am Wohlklang der Alliteration ihrer Namen. Und auch nicht nur daran, dass beide zusammen im Sommer und Herbst 1921 in den bescheidenen Verhältnissen eines Labors im alten Medical Building der Universität Toronto Bantings vielversprechende Idee zur Isolierung eines Pankreasextrakts für die Behandlung des Diabetes verfolgten (siehe Teil 1 unserer Serie).

Nein, die Marke „Banting und Best“ war das Endergebnis eines Ringens um den Ruhm der Entdeckung des Insulins, die der bis dahin tödlichen Krankheit Diabetes ihren Schrecken nahm und Millionen das Leben rettete. Banting und – nach dessen frühem Tod 1941 – Best schilderten die Heldengeschichte mit sich selbst als Hauptfiguren, nicht ohne die anderen Beteiligten zu erwähnen, aber eben mit ihnen klar zugeordneten, weniger ruhmreichen Rollen. Und die Welt, ausgehend von ihrem Heimatland Kanada und dem großen Nachbarn USA, hörte dem Entdecker-Duo zu und feierte es.

Es ist dem kanadischen Historiker Michael Bliss zu verdanken, dass die Geschichte der Insulinentdeckung keine Legende mehr ist, sondern eine – wie es sich für die Medizin gehört – durch wissenschaftliche Recherche belegte Schilderung von Tatsachen und begründeten Vermutungen. Statt Helden (Banting und Best) und Schurken (Macleod) schilderte Bliss in seinem 1982 erstmals erschienenen Buch „The Discovery of Insulin“ die epochale Teamarbeit aller beteiligten Wissenschaftler und würdigte ihre Anteile.

Als Quintessenz zitierte er einen Ausspruch von Lewellys Barker, einem Kanadier, der an der Johns-Hopkins-Universität als Medizinprofessor lehrte, auf einem Bankett der Universität Toronto zu Ehren des Nobelpreises 1923: „In insulin there is glory enough for all!“, die Geschichte der Entdeckung des Wundermittels Insulin biete also genug Ruhm für alle.

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Den Nobelpreis 1923 nennt Bliss im ersten Kapitel seines Buchs auch als bekannteste Ungereimtheit im Mythos Banting und Best: Dass damals neben Banting nicht Best, sondern Macleod den zweiten Teil des Preises zuerkannt bekommen hatte, gehört zu den bekannteren Details der Insulingeschichte. Banting teilte sein Preisgeld daraufhin mit Best, Macleod mit Collip. Doch das Zerwürfnis zwischen Banting und Macleod fing nicht mit der Entscheidung des Nobel-Komitees an, sondern schon in der Frühphase der Forschung.

Bantings Leidenschaft für seine Forschung hatte als Schattenseite die Paranoia, dass der renommierte Mediziner Macleod, Stoffwechselkoryphäe seiner Zeit und gut vernetzt in Torontos wissenschaftlicher Gesellschaft, ihm, dem Quereinsteiger mit überschaubarer praktischer Erfahrung, die Früchte seiner Idee und seiner Arbeit rauben wollte.

Bliss hatte sich zu dem Zeitpunkt, als er an seinem Buch über die Insulinentdeckung anfing zu arbeiten, bereits einen Namen gemacht als Historiker für kanadische Wirtschaftsgeschichte und Politik. Im Vorwort zur 25. Jubiläumsauflage von „The Discovery of Insulin“ 2007 beschreibt er, warum der Zeitpunkt Anfang der 80er für seine Recherche ideal war: Mit Best war 1978 der letzte der vier maßgeblich beteiligten Wissenschaftler gestorben.

Die Universität Toronto gab – wohl nicht zuletzt daher – ihre Zurückhaltung auf und gestattete die Einsicht in die Original-Aufzeichnungen von Banting und Best. Gleichzeitig konnte Bliss noch lebende Zeitzeugen befragen, die an ihrem Lebensende frei und so unbefangen es denn geht für die Geschichtsbücher über die damaligen Geschehnisse sprechen konnten.

Bis 2007 seien keine wesentlichen neuen Dokumente bekannt geworden, schrieb er damals, von den 68 interviewten Zeitzeugen seien aber 66 verstorben, verdeutlichte der Historiker das schmale „window of opportunity“, das sich ihm geöffnet hatte. Bliss rekonstruierte mit dieser neuen Fülle an Informationen detailliert die Abfolge der Experimente rund um die Insulinentdeckung in Toronto und deckt auch die Bemühungen um den Aufbau einer Produktion des sofort heiß begehrten Medikaments in seinem Buch ab.

Als echter Historiker reihte Bliss nicht nur Daten und Fakten aneinander, sondern widmete sich auch den komplexen Charakteren, die an der Insulinentdeckung beteiligt waren, zeichnete Stärken und Schwächen nach. Und als begabter Erzähler formte er aus Ideen, Experimenten, Erfolgen und Rückschlägen sowie den Lebensgeschichten von Forschern und Patienten eine Insulin-Geschichte, die der Entdeckung gerecht wurde – und machte sie mit ihrer klaren, nicht überakademisierten Sprache der Allgemeinheit zugänglich.

Biografien auch über Osler und Cushing

John William Michael Bliss, so sein voller Name, wurde am 18. Januar 1941 in Leamington am Nordostufer des Eriesees in der kanadischen Provinz Ontario geboren, 350 Kilometer von Toronto entfernt. Er lehrte sein gesamtes akademisches Leben lang, von 1968 bis 2006, an der Universität Toronto, zuerst am historischen Institut, nach dem Erfolg seiner medizinhistorischen Bücher dann an der medizinischen Fakultät.

Denn nach dem großen Erfolg von „The Discovery of Insulin“ verdiente Bliss sich durch zwei weitere Biografien endgültig den Ruf als bedeutendster Medizinhistoriker Kanadas: Das 1999 erschienene Buch „William Osler: A Life in Medicine“ ist zum Standardwerk über den kanadischen Internisten und Humanisten avanciert, der im englischsprachigen Raum als bedeutendster Arzt seiner Zeit und Begründer der modernen Medizin gilt und zu den vier Gründervätern des Johns Hopkins Hospital gehört.

Das 2005 erschienene „Harvey Cushing: A Life in Surgery“ beschrieb das Leben des US-amerikanischen Begründers der modernen Neurochirurgie; Cushing war ein Freund Oslers und hat selbst eine Biografie über ihn verfasst, die den Pulitzerpreis gewann.

Bliss wurde 1998 in den Order of Canada, den mit Ausnahme des commonwealthweiten Order of Merit höchsten kanadischen Verdienstorden, aufgenommen und 2013 in den Rang eines „Officer“ befördert. Außerdem wurde er Fellow der Royal Society of Canada und ist 2016 in die Canadian Medical Hall of Fame aufgenommen worden.

Bliss verfasste insgesamt 14 Bücher. In Kanada war er einem breiten Publikum auch bekannt als regelmäßiger Kommentator in überregionalen Zeitungen und im Fernsehen. Im Vorwort der 25-jährigen Jubiläumsausgabe von „The Discovery of Insulin“ schrieb Bliss 2007, er freue sich darauf, zur Hundertjahrfeier des Insulins 2021/22 ein neues Vorwort für das Buch zu schreiben. Dazu kam es leider nicht mehr, er starb am 18. Mai 2017 im Alter von 76 Jahren in Toronto.



Autor: Marcus Sefrin
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Erschienen in: DiabetesNews, 2021; 20 (2) Seite 14