Dank des Tagebuchs von Frederick Banting kann man auf den Tag genau nachvollziehen, wann der Kanadier seine bahnbrechende Idee zur Isolierung von Insulin hatte: Es war frühmorgens am 31. Oktober 1920, also vor 100 Jahren. Mit dieser Idee begann eine Jahrhundertgeschichte.

Der junge Arzt Frederick Grant Banting zog nach einem wegen des Ersten Weltkriegs verkürzten Medizinstudium als Freiwilliger in den Krieg, er wurde sechs Wochen vor Kriegsende im Battle of Canal du Nord an der französischen Front am Arm verwundet. Er versorgte die Wunde selbst notdürftig und kümmerte sich noch zwölf Stunden um verletzte Kameraden, bevor er seine Wunde behandeln ließ.

Die Wunde entzündete sich, er kam in ein Militärkrankenhaus in England. Dort wollte ein Chirurg den Arm amputieren – Banting weigerte sich und hatte Glück: Nach Wochen heilte die Wunde. Banting wurde mit dem Military Cross ausgezeichnet, einer hohen Auszeichnung der britischen Armee für Tapferkeit an der Front.

Mittelloser Jungmediziner

Der junge Kriegsheld kam zurück in die Heimat und beendete seine Ausbildung in der Chirurgie. Er arbeitete von 1919 bis 1920 am Hospital for Sick Children in Toronto, erhielt aber keine feste Anstellung in der Klinik. So blieb ihm nur die Eröffnung einer orthopädisch-chirurgischen Praxis, und zwar aufgrund der geringeren Arztdichte nicht in Toronto, sondern im rund 200 Kilometer entfernten London, ebenfalls in der kanadischen Provinz Ontario.

Bantings Haus und Praxis in London (Ontario), davor die „Flamme der Hoffnung“

Aber in seine am 1. Juli 1920 in der Adelaide Street Nummer 442 eröffnete Praxis kam erst am 29. Juli der erste Patient: ein Freund von ihm, der allerdings auf der Suche nach Alkohol war (es galt noch ein Alkoholverbot). Im ersten Monat betrug Bantings Einkommen durch die Praxis gerade einmal 4 Dollar, und er musste sich häufig Geld leihen. Das Haus seiner Praxis war gleichzeitig seine Wohnung.

Folgenreiche Vorlesungsvorbereitung

Um ein wenig mehr zu verdienen, besserte Banting sein Gehalt mit Unterricht für Studenten an der Western University in London auf. Der dortige Professor für Physiologie, Dr. Frederick Miller, trug ihm auf, am 1. November 1920 eine Vorlesung über den Kohlenhydratmetabolismus zu halten. Banting, bis dahin ohne große Verbindung zu dem Thema oder Diabetes, begann die Vorbereitung der Vorlesung. Am Samstag, dem 30. Oktober 1920 verbrachte er mehrere Stunden damit.

Er hatte gerade die Novemberausgabe der Zeitschrift Surgery, Gynecology and Obstetrics erhalten, der erste Artikel darin war von dem Pathologen Prof. Moses Barron von der Universität von Minnesota und trug den Titel „The Relation of the Islet of Langerhans to Diabetes with Special Reference to Cases of Pancreatic Lithiasis“. Barron hatte beobachtet, dass bei einem Patienten durch Verschluss des Ausgangs der Bauchspeicheldrüse fast die ganze Drüse verschwunden war, nur die Zellen der Langerhans’schen Inseln waren übrig geblieben.

Neu war dies nicht, man wusste das schon aus Tierexperimenten. Barron wiederholte in dem Artikel auch die schon von vielen Forschern vermutete Theorie, dass in den Inseln der Bauchspeicheldrüse ein Hormon gebildet würde, dessen Fehlen die Ursache des Diabetes sein könnte. Kurz nachdem Banting diesen Artikel, schon im Bett, gelesen hatte, schlief er ein – und wachte nach einigen Stunden unruhigen Schlafs wieder auf: Am 31.10.1920 um 2 Uhr morgens schrieb er eine Idee in sein Notizbuch:

„Diabetus: Unterbinde die Gänge der Bauchspeicheldrüse bei einem Hund. Halte den Hund am Leben, bis die Bauchspeicheldrüse degeneriert ist und nur die Inseln übrig bleiben. Versuche die innere Sekretion zu isolieren, um die Urinzuckerausscheidung zu verbessern.“

Im Banting-Museum, zu dem sein damaliges Haus in London wurde, kann man heute noch das Schlafzimmer und das Original des Bettes bewundern, in dem Banting diese Nacht verbrachte. Sein Notizbuch ist heute eines der Highlights der historischen Sammlung der Universität Toronto.

Vorstellung bei Kohlenhydrat-Koryphäe

Seine Idee ließ Banting nicht los, er berichtete Miller am nächsten Morgen davon. An der Western University gab es allerdings wegen Umbauarbeiten keine geeigneten Forschungseinrichtungen und Miller empfahl ihm, sich in Toronto an Prof. John James Rickard Macleod zu wenden. Dieser war damals einer der weltweit bekanntesten Fachleute der Stoffwechselforschung, der auch ein anerkanntes Lehrbuch über die Biochemie des Diabetes veröffentlicht hatte.

Am Montag, dem 8. November 1920, fuhr Banting nach Toronto. Ein renommierter 44-jähriger Professor traf auf einen glühend von seiner Idee begeisterten 28-Jährigen. Macleod war zunächst sehr skeptisch: Er kannte die vielen bisher erfolglosen Versuche, Insulin zu gewinnen. Viele gestandene Wissenschaftler waren an der Aufgabe schon gescheitert, und nun wollte ein junger Chirurg das Problem lösen, der weder Erfahrung in der physiologischen Forschung hatte, noch die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema kannte?

Meilensteine in Buchform
Dieser Artikel basiert auf der Darstellung der historischen Begebenheit von Dr. med Viktor Jörgens, Geschäftsführer der EASD von 1988 bis 2015. Jörgens hat zusammen mit Massimo Porta aus Turin aktuell das Buch „Unveiling Diabetes – Historical Milestones in Diabetology“ herausgegeben (Karger Verlag, Basel; ISBN: 978-3-318-06733-0).

Banting berichtete später, dass Macleod während seines Vortrags überhaupt nicht begeistert gewesen sei und anfing, Briefe auf seinem Schreibtisch zu lesen, als Banting seine Ideen schilderte. Das mag aber eine der vielen Legenden um die beiden sein, die sich später vehement darüber stritten, wem eigentlich mehr Ehre für die Entdeckung zukommen sollte. Vor allem Banting war später der Meinung, dass Macleod den Nobelpreis gar nicht verdient hätte.

Immerhin muss Bantings Enthusiasmus Macleod irgendwie beeindruckt haben. Er wiederholte mehrfach, dass die vorgeschlagenen Experimente, selbst wenn sie scheiterten, immerhin einen interessanten Beitrag für die Forschung liefern könnten. Das ärgerte Banting zutiefst, weil er von seiner Idee so felsenfest überzeugt war. Es war der Beginn einer schwierigen Beziehung, die schließlich in einer abgrundtiefen Abneigung zwischen beiden endete.

Ein Labor, ein Student, kein Gehalt

Macleod bot Banting an, ihm im folgenden Jahr ein kleines Labor in seinem Institut zur Verfügung zu stellen. Es sollte aber ein Student mit Forschungserfahrung Banting bei der Arbeit assistieren. Auch die Hunde für die Versuche wollte Macleod zur Verfügung stellen. Aber ein Gehalt für die Arbeit gab es nicht. Banting fuhr zurück nach Hause, er wollte über das Angebot nachdenken. Seine Freunde rieten ihm davon ab, für solch einen unbezahlten Job seine bisherige Arbeit aufzugeben.

Banting war sehr unschlüssig, was er tun sollte; er bewarb sich um eine Stelle als Arzt bei einem Ölunternehmen, das sich dann aber entschied, keinen Arzt anzustellen. Er versuchte auch vergeblich, eine Anstellung in der Universität von Western Ontario zu bekommen. Am 8. März 1921 schrieb Banting schließlich an Macleod und fragte, ob das Angebot weiter gelte. Macleod antwortete postwendend, Banting könne von Mitte Mai bis Ende Juli in seinem Institut arbeiten.

Ein neuer Weg zum Ziel

Bantings Idee war keineswegs neu: Schon mehrere Forscher hatten versucht, aus Bauchspeicheldrüsen Insulin zu gewinnen und damit den Blutzuckerspiegel zu senken. Aber keiner dieser Versuche hatte über längere Zeit zu einer erfolgreichen Behandlung von Menschen mit Diabetes geführt. Und die Idee alleine war eigentlich noch nicht viel wert: Die Methode zur Gewinnung von Insulin war extrem aufwendig.

Ohne Hunde in großer Zahl zu töten, konnte man kaum größere Mengen von Insulin gewinnen, viel praktikabler war es, Insulin aus der Bauchspeicheldrüse geschlachteter Tiere herzustellen. Die Grundlagen der Methoden dazu waren auch schon bekannt, aber Banting kannte diese Veröffentlichungen nicht, er hatte von der wissenschaftlichen Literatur über dieses Thema bis zu der denkwürdigen Nacht Ende Oktober 1920 nichts gelesen. Und doch begannen damit die Arbeiten an der Isolierung des – damals noch nicht so genannten – Insulins.

Serie „100 Jahre Insulin“ – die bislang erschienenen Beiträge:


Autor: Redaktion
DiabetesNews
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Erschienen in: DiabetesNews, 2020; 19 (6) Seite 16